Rückblick · 6. Mai 2026
Hearing «Bildung vor Arbeit»: Die Huhn-oder-Ei-Frage der Integrationsagenda
Bildung vor Arbeit oder Arbeit vor Bildung? Diese Frage stand im Zentrum unseres öffentlichen Hearings am 6. Mai – mit Fachpersonen, Behördenvertretenden und Menschen mit Fluchterfahrung. Die Antworten waren eindringlich, persönlich und politisch relevant.
Fünf Geschichten – stellvertretend für viele
Die Erlebnisse der Geflüchteten an diesem Abend waren beeindruckend. Sie stehen stellvertretend für das, was viele in der Schweiz erleben:
Ermias* aus Eritrea hatte lange kaum Zugang zu Deutschkursen und arbeitete über Jahre hinweg nur temporär – immer wieder auf Sozialhilfe angewiesen. Erst mit der Unterstützung eines Brückenbauers erhielt er die Möglichkeit, einen Staplerkurs zu absolvieren und seine berufliche Situation nachhaltig zu verbessern.
Zahra* wollte eine Ausbildung machen, doch damals durfte nur ein Elternteil eine Weiterbildung besuchen. Sie arbeitete zehn Jahre lang in der Reinigung und kümmerte sich gleichzeitig um ihre Kinder. Dank der Unterstützung eines Brückenbauers konnte sie schliesslich ihre erste Weiterbildung absolvieren.
Nisrin*, Bauingenieurin, hat sich Deutsch mit YouTube-Videos selbst beigebracht – wurde trotzdem in die Reinigung geschickt und musste den Weg zur Sozialpädagogin gegen Widerstände erkämpfen.
Hamza Yilmaz* war in der Türkei Richter am Verwaltungsgericht. Er absolviert derzeit einen CAS-Studiengang zu Sozialhilfe, Recht und Methoden – mit Unterstützung einer Stiftung, die die Studienkosten übernahm.
Myroslava, erfahrene Lehrerin aus der Ukraine mit anerkanntem BA, arbeitet höchstens als Stellvertretung – weil ihr für eine Festanstellung das C2 fehlt.
Drei Erkenntnisse, die wir mitnehmen
Erkenntnis 1
Die «Gemeinde-Lotterie» ist real.
Die Förderquoten liegen je nach Gemeinde im Kanton Zürich zwischen 105% und 385% des kantonalen Kostendachs – andere Gemeinden nutzen die kantonalen Gelder gar nicht. Als geflüchtete Person kann man oft nicht selbst entscheiden, wo man wohnt. Kleinen Gemeinden fehlen zudem häufig die Fachpersonen, um das Potenzial einer Person zu erkennen und die Arbeitsintegration gezielt zu fördern.
Erkenntnis 2
Bildung braucht Zeit, Begleitung und Flexibilität.
Berufsintegration funktioniert nicht in 12 Monaten. Sie braucht individuelle Begleitung – und die ist bei 60 und mehr Fällen pro 100%-Stelle nicht leistbar. Deshalb braucht es Tandems, Mentor:innen oder NCBI-Brückenbauer:innen, die zweisprachig begleiten und beraten. Teilzeit-Lehren, Kinderbetreuung, anerkannte Angebote auch für über 30-Jährige: Das sind keine Sonderwünsche, sondern Voraussetzungen.
Erkenntnis 3
Ungenutztes Potenzial kostet uns alle.
Dequalifizierung ist kein individuelles Schicksal, sondern ein strukturelles Problem. Diplome werden nicht anerkannt, Berufsverbände schotten ab, der F-Status erzeugt 10 Jahre Unsicherheit. Wer ausgebildet ist, soll arbeiten dürfen, was er oder sie gelernt hat – das spart der Sozialhilfe Geld und gibt Menschen ihre Würde zurück.
«Sie geben Sozialhilfe – aber nehmen die Würde weg.»
Stimme aus dem Hearing, 6. Mai 2026
Genau das muss sich ändern. Danke an alle, die ihre Geschichten geteilt haben, und an die Vertreter:innen aus Politik und Verwaltung, die zugehört, gewürdigt und kommentiert haben. Diese Geschichten gehören in die Sitzungszimmer, in denen über Integrationspolitik entschieden wird.
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